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  Crossing Munich. Orte, Bilder und Debatten der Migration

Michael Hieslmair/ Michael Zinganel
Ausstellungsgestaltung und künstlerische Beratung, 2009

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Foto: Jörg Koopmann

Ein Forschungs- und Ausstellungsprojekt des Kulturreferats der Landeshauptstadt München in Kooperation mit dem Institut für Ethnologie, dem Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie und dem Historischen Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität.
Rathausgalerie München, 10. Juli bis 15. September 2009
http://crossingmunich.org/

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Migration Ausstellen – Wege interdisziplinärer Kooperationen
Das Forschungs- und Ausstellungsprojekt „Crossing Munich“ zeigt München als Einwanderungsstadt seit 1955 – dem Jahr, in dem die Bundesrepublik Deutschland das erste Anwerbeabkommen für „Gastarbeiter“ mit Italien unterschrieben hat. In der öffentlichen Wahrnehmung ist München als drittgrößte Einwanderungsstadt Deutschlands kaum bekannt, im historischen Gedächtnis der Migranten und Migrantinnen jedoch nimmt München einen besonderen Platz ein. Hier, am Gleis 11 des Hauptbahnhofs, hielt ein Großteil der Sonderzüge, mit denen die Bundesanstalt für Arbeit die angeworbenen „GastarbeiterInnen“ transportieren ließ. So prägen Erinnerungen über die ersten Nächte im Bunker unter der Erde des Hauptbahnhofs, der als zentrale Anlaufstelle für die Ankommenden ausgebaut wurde, auch zahlreiche Familienbiografien von MigrantInnen in Deutschland. Doch die MigrantInnen blieben nicht unter der Erde oder in den ihnen zugedachten „Wohnheimen“ am Rande der Stadt, viel mehr eigneten sie sich Stück um Stück ihre (zweite) Heimat an.

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Foto: Jörg Koopmann

„Crossing Munich“ zeigt München als eine durch Migration geprägte Stadt. Das Projekt erkundet Geschichte und Gegenwart der Migration in München – jenseits gängiger Debatten um „Integration“ und „Ethnizität“ in der gegenwärtigen öffentlichen Diskussion, sowie jenseits gängiger Wahrnehmungsweisen von Migration als Bedrohung oder als Bereicherung. Vielmehr erzählen die einzelnen Installationen der Ausstellung „Crossing Munich“ kleine und größere Geschichten von migrantischen Lebensrealitäten, Mobilitätspraktiken, transnationalen Ökonomien und Protesten. Sie erzählen aber auch, wie verschiedene politische und wohlfahrtsstaatliche Institutionen die Bewegungen der Migration über die Jahrzehnte zu steuern, zu stoppen, zu verwalten und zu managen, wie auch zu nutzen und als multikultureller Standortfaktor ins Stadtmarketing zu integrieren versuchen.

Die Ausstellungsarbeiten beruhen dabei auf einmaligen kooperativen Prozessen zwischen 25 ForscherInnen der Ludwig-Maximilians-Universität München und 16 KünstlerInnen aus München, Wien und Zürich. Die Studierenden und DoktorantInnen haben sich drei Semester lang mit aktuellen migrantionswissenschaftlichen Debatten auseinander gesetzt, haben unter wissenschaftlicher Beratung eigene Forschungsprojekte entwickelt und sind hierfür in Archive und ins „Feld“ gegangen. Die hieraus entstandenen Einzelprojekte haben die ForscherInnen an verschiedene Orte, Szenen und Milieus der Münchner Stadtgesellschaft geführt, aber auch nach Istanbul, in den Kosovo oder nach Antwerpen.

Foto: Jörg Koomann

Foto: Jörg Koomann

Zur Struktur der Ausstellung
Um die Spezifik des Forschungsprozesses und seiner künstlerischen Umsetzung von „Crossing Munich” auch in der Ausstellung selbst offen zu legen, wurden von den Gestaltern Michael Zinganel und Michael Hieslmair folgende Überlegungen zur Anordnung und Architektur der Ausstellungsprojekte angestellt:

Die Ausstellungsgestaltung reagiert auf die spezifische, nahezu sakrale Architektur der ehemaligen Kassenhalle des Münchner Rathauses: die axialsymmetrische Anordnung aus einem hohen, glasüberdachten Hauptschiff und niedrigeren Seitenschiffen wird durch abstrakte Kuben in intimere aber miteinander in Blickbeziehung bleibende Raumfolgen strukturiert.

Am Ende der Halle wird, formal den Bahnsteigen eines Kopfbahnhofes nachgestellt, eine Plattform errichtet, die eine Referenz an die Bahnhofshalle als historischem Ankunftsort von MigrantInnen darstellt. Der Raum erhält durch den bestehenden Spring-Brunnen den Charakter eines öffentlichen Platzes, um den dann auch jene Arbeiten angelagert werden, die sich mit öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten von MigrantInnen oder mit der politischen Regulation von Migration beschäftigen. In den Seitenschiffen hingegen werden jene Arbeiten platziert, die Aktivitäten untersuchen, die in weniger sichtbaren, informellen bis hin zu privaten Rahmenbedingungen stattfinden.

Zudem werden durch die Strukturierung der Displays in drei „Ebenen“ die spezifische Akteurskonstellation und (Co-)Produktionsweise der Ausstellungsbeiträge durch ForscherInnenteams aus Studierenden, KünstlerInnen und der Projektleitung noch einmal in Erinnerung gerufen:

  • die ethnologischen und historischen Recherchematerialien in Transportcontainern am Bahnsteig und als schwarz-weiße Wandtapeten an den bestehenden Außenwänden fokussieren die Subjekt-Objekt-Beziehung im Forschungsverlauf;
  • die künstlerisch angeleiteten, gemeinsam erarbeiteten Übersetzungen dieser Recherchen und ihre Inszenierungen als Installationen frei im Raum oder gerahmt vor den bestehenden Außenwänden;
  • der makropolitische Zusammenhang wird über die reflexiven, kuratorischen Meta-Interventionen, das sind Texte zu den zentralen Themeninseln sowie eine fiktive Werbekampagne des City Marketings, auf den frei im Raum stehenden Kuben hergestellt; dafür werden Bilder aus den Recherchen der Ausstellungsprojekte zum Migrationsdiskurs sich angeeignet und umgedeutet.

Munich Loves You (…) All and Everywhere
4-teilige Posterserie als Teil einer fiktiven Stadtmarketing-Kampagne
Laserplots, A0

[Galerie nicht gefunden]

Konzept und Collage: Michael Hieslmair | Michael Zinganel
Fotos Orte: Jörg Koopmann
Fotos Projektbeteiligte: David Steets

Die vier Sujets beziehen sich inhaltlich auf die Überbegriffe der Themeninseln in der Ausstellung (Stadtbilder – Stadtträume / urbane Politiken / Kulturproduktionen und -konstruktionen / Transnationale Ökonomien). Sie sind als Teil einer fiktiven Stadtmarketing-Kampagne angelegt. In der Ausstellung waren die Poster analog zu Plakaten im Stadtraum an mehreren Stellen und in unterschiedlicher Höhe angebracht. Konzeptionell orientiert sich der Bildaufbau der Collagen an der aktuellen Image-Kampagne der Stadt München, wobei über schwarz-weiß Kopien der offiziellen Logos eine direkte Verbindung hergestellt wird.
In der offiziellen Kampagne wurden laut Selbstbeschreibung die Fotos „an besonderen Orten inszeniert und aufgenommen“. „So entstand das Motiv für die Fußballhochburg München auf dem Dach der Allianz Arena, das Biergartenmotiv im Schatten des ältesten Baumes im Nymphenburger Schlosspark und das Motiv für das unbeschwerte Münchner Lebensgefühl am Pool des Mandarin Oriental Hotels über den Dächern der Altstadt.“
In Anlehnung daran zeigt die fiktive Kampagne eine Auswahl an Orten, die in der kollektiven Wahrnehmung der StadtbewohnerInnen häufig als problematisch bezeichnet oder als von Konflikten geprägt gelten. Eine Ebene darüber liegen mittels Collage-Technik inszenierte Fotos von am Projekt beteiligten ForscherInnen, die jene zukünftigen Bildungs-Eliten repräsentieren, die jedes Stadtmarketing anzuwerben versucht.

Die Aufnahmen der Orte stammen von Jörg Koopmann, der seit mehreren Jahren mit seiner Kamera durch Münchner Quartiere streift. Die inszenierten Fotos der ForscherInnen entstanden bei einem Fotoshooting mit David Steets. Deutlich übertrieben und in Kontrast zum Bildhintergrund haben sich dabei die ForscherInnen als besonders hip und urban dargestellt und unbeschwert in Pose geworfen.
Die zweiteiligen Slogans unterstreichen Münchens Selbstdarstellung als „weltoffene“ und „tolerante“ Stadt, und setzen diese mit den vier Themenschwerpunkten von Crossing Munich in Verbindung – ganz so als hätte die fiktive Image-Kampagne die Wahrnehmung der problematisierten Orte schon längst ins Positive gewendet. Dazu trägt auch die kritische Ausstellung selbst – ob gewollt oder ungewollt – bei, die von der Stadt München beauftragt und finanziert wurde.

Zum Projekt ist im Silke Schreiber Verlag ein Katalog erschienen:
Crossing Munich. Beiträge zur Migration aus Kunst, Wissenschaft und Aktivismus
Natalie Bayer, Andrea Engl, Sabine Hess, Johannes Moser (Hrsg.)
München 2009, 208 Seiten, 55 Farbabbildungen, 30 Graustufenabbildungen
ISBN-13 978-3-88960-108-7
erschienen im Silke Schreiber Verlag, München 2009
http://crossingmunich.org/katalog.html