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  Parcours durch Alpine Erlebnislandschaften

Michael Hieslmair | Michael Zinganel
Seminar 'Alpine Gebäudelehre' an der Universität Innsbruck, Institut für Gestaltung, Studio 1 Prof. Stefano de Martino, 2010

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Das touristische Erlebnis ist keineswegs eine passive statische und ausschließlich visuelle Konsumtion von Landschaften und Dienstleistungen sondern vielmehr eine aktive multi-sensuale Performance, die – und das gilt insbesondere für die Alpen – in dynamischen Bewegungszyklen erfahren wird. Alpine Gebäudelehre lässt sich daher nicht auf den Funktionsablauf einzelner Gebäude reduzieren, sondern muss alle Betätigungsfelder in der gesamten Erlebnislandschaft einbeziehen, von der Anreise zum Hotel über die Berg- und Talstationen, das Nachtleben bis hin zur Abreise.

Die unterschiedlichen Erwartungshaltungen und Kulturen von Touristen, Dienstleistern und Einheimischen produzieren mitunter problematische Dreiecksbeziehungen. Daher wird ihre Interaktion zum Selbstschutz aller Beteiligten durch spezifische Rituale und vielschichtige Bühnenlandschaften gefiltert und moduliert, sodass für alle Beteiligten sowohl Bühnen zur Selbstdarstellung als auch private Rückzugsorte gesichert sind.

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Die Tiroler Täler mit ihrer ausgeprägten touristischen Infrastruktur (Saisonstädte) eignen sich besonders, um Einflüsse überregionaler Transformationsprozesse und Modernisierungsschübe auf die lokale Kulturlandschaft und Architektur zu analysieren. Die Erlebnislandschaften in den Tiroler Tälern sind keineswegs ausschließlich auf Basis von Ideen und Konzepten lokaler Seilschaften entstanden, sondern sie stellen Koproduktionen dar, die von Reisenden und Bereisten sukzessive ausgebaut und ausdifferenziert wurden: die baulichen Formationen folgten den Erwartungshaltungen vorrangig deutscher Touristen, wurden mit Geldern aus dem Marschall Plan finanziert und mit hohen Anteilen an Saisonarbeitskräften aus Ostösterreich und dem vormaligen Jugoslawien betrieben. Die Einübung in das Dienstleistungsgewerbe und der transnationale Kulturaustausch mögen manche vermeintliche Fehlentwicklungen (vor allem auch aus dem Blickwinkel des akademischen Architekturbetriebes) hervorgebracht haben, sie haben aber auch maßgeblich zu jener radikal beschleunigten „Modernisierung“ der Lebens- und Arbeitswelt in den Talschaften beigetragen, die es ermöglicht, dass heute das über die Jahrzehnte erarbeitete Know-how in der Errichtung, im Betrieb und in der Choreographie der Erlebnislandschaften erfolgreich und weltweit exportiert wird.

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Ziel der Lehrveranstaltung war es demnach, bei den Studierenden ein gesteigertes Verständnis für die spezifischen Anforderungen zur Planung oder Choreographie alpiner touristischer Erlebnislandschaften herzustellen. Den Studierenden wurden Analyse- und Darstellungs- Methoden vermittelt, die – im Gegensatz zur klassischen Gebäudellehre –  die Untersuchung von Gebäuden als Netzwerkknoten einer gesteigerten Mobilitätserfahrung ermöglichen, die sowohl einen übergeordneten makropolitischen (geographischen) Blickwinkel als auch dem lokalen mikropolitischen (ethnografischen) Blickwinkel mit einbezieht.

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Die Lehrveranstaltung war in einen Input-Block mit Vorlesungen und kleinen Übungen zur Methodik und in einen seminaristischen Workshopblock der von eigenständigen Feldforschungen unterbrochen war gegliedert.

Im Workshopblock wurden die Ergebnisse der Recherchen gemeinsam in ein raumgreifendes Wegenetzmodell übersetzt: Am Beispiel einer real-fiktiven Tiroler Tourismusdestination in einem hochgelegenen Tal wurden die Mobilitätsstränge ausgewählter Akteure – die von Einheimischen, Dienstleistern und Touristen zurückgelegten Wege – rekonstruiert.

Grundsätzlich besteht das Modell aus zwei miteinander in Beziehung gesetzten Raum Ausschnitten: In der ‚Totale’ wurden aus dem Makroblickwinkel durch die gesamte Tallandschaft verlaufende Akteurswege nachgebaut (Anreise, Abreise, Bewegungen im Ort, auf der Piste, etc.). Auf der Mikroebene geben ‚Zooms’ die ebenso auf Akteurswegen basieren die Innen-Raumfolgen von typischen Gebäudetypologien (Hotel, Talstation, Mittelstation, Restaurant, Frühstückspension und Personalwohnhaus) wieder. Zudem zeigen einzelne an den Wegen befestigte Comic-Zeichnungen Szenen von Begegnungen der ausgewählten Akteure.

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TeilnehmerInnen:
Stefanie Budweiser | Christian Flatscher | Michael Gsell | Sören-Tormod Koeplin | Florian Mangger | Martina Reiter

[Galerie nicht gefunden]

Dank an:
Irmgard Danzl und Andreas Pfanzelt vom Institut für Gestaltung, Studio 1 sowie an die GastkritikterInnen:
Wolfgang Andexlinger, Anne Kockelkorn, Paul Rösch, Andreas Rumpfhuber, Andrei Siclodi

Die Aluminiumrohre wurden von der Firma ROWA-MOSER freundlicherweise kostenlos zur Verfügung gestellt.

Fotos: Michael Hieslmair/ Alexander Pfanzelt